Nissen 05

Aus Kontakten mit Industrievertretern und Beratern heraus hatte ich vor etwa fünf Jahren den Eindruck gewonnen, dass in der Industrie zwar noch zaghaft aber dennoch zunehmend das Thema "Energiekosten" insbesondere aufgrund der starken Preissteigerung, die z.T. deutlich über der Inflationsrate lag, allmählich an Bedeutung gewinnen würde. Allerdings schienen sich Controller (meine fachliche Zielgruppe), die ja üblicher Weise Investitions- und Restrukturierungsentscheidungen wenn nicht gar vorbereiten und somit faktisch fällen, so doch zumindest kaufmännisch beurteilen und die somit sehr bedeutende Stellglieder im Hinblick auf Energieeffizenz sind, mit der betrieblichen Energieproblematik schwer zu tun. Kostensenkungspotentiale, die bisweilen bereits auf den ersten Blick als beachtlich eingestuft werden könnten, wurden dann häufig nicht ausgeschöpft, weil – und das ist mein persönlicher Eindruck – Unkenntnis und Barrieren in Köpfen von Controllern und kaufmännischen Geschäftsführern das verhinderten. Jene Personen waren und sind es offenbar gewohnt, in € oder $ und nicht in kWh zu rechnen. 

Hinzu kam, dass das Thema Energieeffizienz, Energiemanagement u.ä. in aller Regel in der betriebswirtschaftlichen Ausbildung überhaupt nicht vorkommt. Gerade auch in der Controllingsausbildung und -forschung lag und liegt in dieser Hinsicht m.E. eine dringend zu schließende Lücke vor. Wenn man sich beispielsweise die Fachliteratur zur Kalkulation von Industrieprodukten ansieht, dann werden Energiekosten im Grunde nie als Einzelkosten Produkten direkt zugeordnet, sondern per Gießkannenprinzip auf alle Produkte gleichmäßig verteilt. Dies hat zur Konsequenz, dass beispielsweise zwei Produkte, die sich in der Energieintensität massiv unterscheiden (weil etwa das eine Produkt umfassend einer Verchromung unterzogen wird), dennoch mit den gleichen Selbstkosten bewertet werden. Eine marktliche Regulierung (etwa so, dass das energieintensivere Produkt strategische Nachteile hat, weil der Stückprofit kleiner ausfällt), kommt so nicht zustande, und Anreize, den Energieverbrauch konstruktiv und systematisch zu reduzieren, unterbleiben. Das war und ist nicht nur die übliche Vorgehensweise, wie sie in der Kostenrechnungs-Literatur beschrieben wird (so, wie es die Studenten lernen), sondern - in logischer Konsequenz - auch gängige Praxis in der Industrie. 

Diese Einsicht hatte mich zum Überdenken der von mir gebotenen Ausbildung angeregt und schließlich dazu geführt, dass ich die Themen Energieeffizienz, Energiekosten und Energiemanagement nach und nach in meine Controlling-Lehre integrierte und vor vier Jahren zunächst eine neue Lehrveranstaltung dazu konzipierte. Ziel war und ist, dass künftig entsprechend ausgebildete Bachelor-Betriebswirte, insbesondere mit Schwerpunkt Controlling, sowie auch   BWL-Masterabsolventen Energieeffizienzprobleme verstehen, kaufmännisch beurteilen und mit den Fachleuten für diese Fragestellungen, die dann aus den Ingenieur-Fachbereichen kommen würden, diskutieren können.

Seit Wintersemester 2013/2014 biete ich hierzu am Fachzbereich Wirtschaft (08) der Hochschule Niederrhein eine Bachelor-Lehrveranstaltung "Betriebswirtschaftliches Energiemanagement" und  ab Sommersemester 2014 eine Master-LV "Energy Management Accounting" an. 

Inhalte (Betriebswirtschaftliches Energiemanagement)

Grundlagen des Energiemanagements

Bedeutung des Energiemanagements

Energiebedarf

  • Gebäudeenergiebedarf
  • Licht/Beleuchtung
  • Exkurs: Grundlagen der Elektrizität
  • Raumlufttechnik
  • Prozesswärme

Energiebereitstellung

  • Erzeugung elektrischer Energie
  • Verbundnetze
  • Konventionelle und unkonventionelle Heizanlagen
  • Blockheizkraftwerke/Kraft-Wärme-Kopplung
  • Exkurs: Energieeinsatz berücksichtigende Investitionsrechnung
  • Solarenergienutzung: Solarkollektoren, Photovoltaik
  • Wärmepumpe

Energiegesetzgebung

Lage und Trends

Lebenszyklusbetrachtungen; Produktbeurteilungen

  • Kumulierter Energieaufwand
  • Energetische Amortisationszeit
  • Erntefaktor
  • Life-Cycle-Costing
  • Total Cost of Ownership
  • Carbon Footprint

Energiemanagement

  • Energie-Effizienz-Maßnahmen; Tool-Kit
  • Lastmanagement
  • Finanzierung, Contracting
  • Energiemanagementsystem; Energiemanagement-Normung

Energiemanagement berücksichtigendes Controlling

  • Ziele eines Energie-Controllings
  • Energieeinsatz berücksichtigende Kalkulation
  • Energieeinsatz berücksichtigende Kostenstellenrechnung
  • Energieeinsatz berücksichtigende Prozesskostenrechnung
  • Reporting; Anreizsysteme
  • Organisation des Energiemanagements